Brasilianer mit Mengerschieder Abstammung absolvieren berufliches Praktikum im Hunsrück

"Deutsche Tugend ist in Brasilien sehr geschätzt"

Ein Artikel der Rhein-Hunsrück-Zeitung vom Samstag, 25.11.2017.
Werner Dupuis, Reporter der Rhein-Hunsrück-Zeitung

Hunsriggerisch ist die Sprache der deutschstämmigen Auswanderer, die vor über 150 Jahren im Süden Brasiliens eine neue Heimat fanden. Viele von ihnen stammten aus dem Hunsrück. Ihre Nachfahren pflegen einen engen Kontakt mit dem Land ihrer Vorfahren.

Immer wieder reisen Gruppen aus dem Hunsrück über den großen Teich, kommen Brasilianer mit Hunsrücker Wurzeln in das Land ihrer Vorfahren. Ein gutes Beispiel dafür sind die Familien Wolf und Müller, die zurzeit für mehrere Wochen in Mengerschied weilen. Bei diesem Besuch geht es aber nicht nur um die Pflege alter Familientraditionen, sondern auch um das Knüpfen ganz neuer Verbindungen, die auch beruflich zu nutzen sind.

Natalia Wolf Müller und ihr Ehemann Renyer Müller sind beide in der Baubranche tätig. Wolf Müller arbeitet in einem Architekturbüro, ihr Mann ist als Ingenieur für den Hochbau tätig. Ihren aktuellen Aufenthalt verknüpfen beide mit einem dreiwöchigen Praktikum in zwei Hunsrücker Planungsbüros. Wolf Müller erhält einen Einblick in das Innenleben eines deutschen Architektenbüros im ehemaligen Simmerner Bahnhof. Dort arbeitet ein Team von 20 Spezialisten rund um die Architekten Daniel Dillig, Gudrun Dillig-Raab und Stefan Rieß. Sie realisieren deutschlandweite Bauvorhaben mit dem Schwerpunkt Sportstätten, Schulen und Kindertagesstätten.

Ehemann Renyer Müller hat ein Paar Straßen weiter beim Bauunternehmen Dillig Hoch- und Ingenieurbau seinen Praktikumsplatz bekommen. Bei Dillig realisieren rund 85 Mitarbeiter im Hunsrück, im Rhein-Main-Gebiet und im südlichen Nordrhein-Westfalen ausgefallene und anspruchsvolle Bauvorhaben, von der vierspurigen Straßenbrücke bis zum Industriegebäude für die Pharmazie.

Ganz abgesehen von dem hohen technischen Standard und der fachlichen Kompetenz ihre Kollegen auf Zeit, sind die beiden brasilianischen Ingenieure fasziniert von den deutschen Tugenden Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit, die beide in ihren Unternehmen und auf den Baustellen vor Ort erfahren. Diese Erfahrungen und ihre ganz persönlichen Kontakte werden sie in ihrem Gepäck in ihre Heimat mitnehmen und in ihren beruflichen Alltag mit einfließen lassen.

Eine ganz lange Vorgeschichte gab es, bis es zu den beiden Praktika kam. Die Eltern von Natalia Wolf Müller waren jahrelang auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln. Es gab Hinweise, dass die Ahnen von Paulo Ricardo Wolf und seine Frau Maria Christine Wolf Schäfer, die in den 1850er Jahren aus dem Hunsrück nach Brasilien auswanderten, aus Mengerschied stammten. In ihrer neuen Heimat waren sie maßgeblich am Aufbau des Ortes Teutonia im Bundesstaat Rio Grande do Sul beteiligt. Einer der Nachfahren, Paulo Wolf, ist dort heute ein erfolgreicher Geschäftsmann. Sein Geld hat er als Veterinär verdient. Mit seiner Frau betreibt der 58-Jährige in seinem "Ruhestand" in Teutonia ein 60 Betten-Hotel. In Anlehnung an ihren deutschen Ursprung haben sie es Park Hotel Bavaria genannt. Genau das gleiche Hotel steht in Rüdesheim am Rhein, dem eigentlichen Sehnsuchtsort der Familie Wolf. Während jedem ihrer regelmäßigen Aufenthalte in Deutschland sind mehrere Tage am Rhein fest gebucht. Von der Germania aus haben die Wolfs auch bei jeder Visite sehnsüchtig über den Rhein in den Hunsrück geschaut. "Da kommt unsere Familie her", schoss es ihnen jedes Mal in den Sinn, ohne allerdings zu wissen, woher genau und wo die Wurzeln sind.

Bis sie durch einen Zufall ihren Ursprung fanden. Entsprechend mündlicher Überlieferung und Dokumenten aus dem Familienbesitz waren das Ehepaar Wolf/Schäfer bereits 2012 erstmals in Mengerschied. Doch die Zeit der Zusammenführung mit ihren dort lebenden Verwandten war noch nicht reif. Unverrichteter Dinge reisten sie wieder nach Brasilien zurück.

Im Sommer 2014 war es dann endlich so weit. Die brasilianischen Familien Wolf/Schäfer trafen die Hunsrücker Familie Schubert/Schäfer. Zwei Brüder aus der Sippe Schäfer, von denen einer ausgewandert war, während der andere in der Heimat verblieb, waren das Bindeglied. Seitdem Licht in das Dunkel der familiären Vergangenheit gekommen ist, besteht eine ganz enge und herzliche Verbindung zwischen Mengerschied und Teutonia. Man besucht sich regelmäßig und verbringt dann jeweils viel Zeit miteinander. Aber nicht nur unter Verwandten entstanden besondere Kontakte.

Im Januar 2017 gastierte zum Beispiel die Musikkapelle Colégio Teutonia im Rahmen einer Deutschlandtournee mehrmals im Hunsrück. Höhepunkt dabei, war ein Konzert im Rathaus in Mengerschied.

Artikel-Quelle: Von dem Reporter der Rhein-Hunsrück-Zeitung, Werner Dupuis.

Erklärung zu dem von Werner Dupuis erstellten Foto: Die Computerprogramme sind zum Teil die gleichen, die Arbeitswelt ist dagegen recht unterschiedlich.

Von links nach rechts: Maria Christine Wolf-Schäfer, Paulo Wolf, Renyer Müller und Natalia Wolf-Müller lassen sich von Dillig-Geschäftsführer Bodo Schulz Details erläutern.